Die Beliebtheit von Kung-Fu Romanen in China

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von Oliver Chang

Dieser Artikel stellt eine vorlaeufige theoretische Erklaerung der erstaunlich grossen Beliebtheit von Kung-Fu Romanen oder "Wu Xia" (chines. Lautschrift), die von Sinologen auch gerne "Ritter-Irrfahrten" genannt werden, dar. Ich hoffe, dass dieser Beitrag wertvolle Informationen zur kontroversen Diskussion zu diesem Thema beitraegt.

Die staendig wachsende Verbreitung von Kung-Fu Romanen in China ist ein fragwuerdiges kulturelles Phenomen. Die urspruenglich aus der Tang und Song Dynastie stamenden wundervollen Geschichten, waren damals ausschliesslich fuer die Elite bestimmt. Im Verlauf der Qing Dynastie wurde der Inhalt immer folkloristischer, und es ist insbesondere dem Schriftsteller Jin Yong zu verdanken, dass dieser Teil der chinesichen Kultur nun von Jung und Alt gelesen werden kann. Kung-Fu Romane fallen offiziell allerdings immer noch in die Kategorie der Unterhaltungsromane, obwohl einige Autoren der sog. "Neuen Schule" (wie Jin Yong, Gu Long und Liang Yusheng) bereits einen hoeheren Bekanntheitsgrad haben als andere renomierte Schriftsteller der sog. ernsten Literatur. In letzter Zeit haben Literaturkritiker und Fachleute begonnen, dieses Genre und die Gruende fuer seine Popularitaet zu untersuchen. Dabei wurden drei Untersuchungsschwerpunkte festgelegt: 1) Verstaendlichkeit, 2) Uebereinstimmung mit dem populaeren Gedankengut und der traditionellen chinesischen Kultur sowie 3) den psychoanalytische Aspekt, inwiefern es das allgemeine Beduerfnis gerettet zu werden befriedigt.


I. Verstaendlichkeit 
1. Struktur leicht verstaendlich 
2. Inhalt leicht verstaendlich 

II . Uebereinstimmung mit dem populaeren Gedankengut und der traditionellen chinesischen Kultur 
1. Konfuzianismus in Kung-Fu Romanen 
2. Daoismus in Kung-Fu Romanen 
3. Buddhismus in Kung-Fu Romanen 

III. Befriedigung des inneren Beduerfnisses and der psychologischen Notwendigkeit gerettet zu werden 

I. Verstaendlichkeit

Kung-Fu Romane sind sowohl von der Struktur her als auch inhaltlich leicht verstaendlich.

1.Leicht verstaendliche Struktur:

Formal sind vor allem die Kung-Fu Romane von Jin Yong eigentlich immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut, obwohl einzelne Ausnahmen ebenso kompliziert strukturiert sein koennen wie dies klassische und andere Romane sind. Fast alle Kung-Fu Romane sind in acht Kapitel geteilt.

1) Ein Mord wird aus Rache veruebt und dabei verwaist ein Kind. 

2) Im Exil erlebt das Kind Abenteuer und begegnet einem Meister der Kampfkunst; dieser nimmt es in seine Lehre auf. 

3) Das Kind waechst heran, verabschiedet sich von seinem Meister und zieht das Boese bekaempfend in der Weltgeschichte herum.

4) Eine Anzahl schoener Frauen, die ihm den Hof machen, werden zu seinem Verhaengnis; und er ist der Vernichtung Nahe als er auch noch auf ein paar heimtueckische Ritter trifft, deren Kampfkuenste die seinen um Haaresbreite uebertreffen. 

5) Da wirft er sich zu Fuessen eines anderen Meisters der Kampfkunst. Zur selben Zeit muss er feststellen, dass das Maedchen, in das er unsterblich verliebt ist, eigentlich einer der heimtueckischen Ritter ist.

6) Immer mehr in den Kampf gegen das Boese verwickelt, wird ihm langsam klar, wer seine Eltern waren und wer diese getoetet hat. 

7) Mit Hilfe eines Buches, das verloren geglaubte Kampfkunst-Techniken beschreibt, raecht er den Mord seiner Eltern und beseitigt das Boese.

8) Zu guter Letzt verlaesst er die laute, chaotische Welt und lebt bis ans Ende seiner Tage in Abgeschiedenheit.

Diese Einteilung in acht Kapitel ist die Grundstruktur aller Kung-Fu Romane. Egal wie zahlreich Personen und Handlungen, Geheimnisse und Loesungen sind, in diesem Genre wird eine klareres literarisches Weltbild gezeichnet als dass in der herkoemmlichen Tradition der Roman Literatur z.B. der Impressionisten und Symbolisten, deren Werke sind voller Metaphern und anderer Zweideutigkeiten stecken, der Fall ist.


2. Leicht verstaendlicher Inhalt 

Inhaltlich vermitteln Kung-Fu Romane recht einfache Moralvorstellungen, die im wesentlichen aus den Gegensaetzen Gut und Boese bestehen. Diese Spezialisten der Schwertkunst eliminieren alles Uebel der Welt und setzen sich derart fuer das Gute ein, dass sie zu Helden unserer Imagination werden. Die Helden leben ausserhalb der Wirklichkeit, und die Personifizierungen allen Uebels sind ebenso extrem gezeichnet: Sie sind schlimmer als der Satan selbst. Die Kampfkunst-Meister auf beiden Seiten sind so gegensaetzlich wie Feuer und Wasser. In erdbebenaehnlichen Schlachten, die sie sich liefern, toben sie ihre Konflikte aus. Natuerlich gewinnt am Ende immer das Gute, waehrend das Schlechte fuer immer verdammt ist. Normalerweise ist das gute Ende so gestaltet, wie es dem aestetischen Gusto entspricht. In diesem Punkt unterscheiden sich Kung-Fu Romane von herkoemmlicher Literatur, deren gutes Ausgehen meist einen skeptischen Geist mit kritischer Mentalitaet voraussetzt.


II. Uebereinstimmung mit dem populaeren Gedankengut und der traditionellen chinesischen Kultur 

Die Gruende fuer die anhaltende Beliebtheit von Kung-Fu Romanen in China kann allerdings nicht allein durch deren leichte Verstaendlichkei erklaehrt werden. Sie besitzen eine zeitlose Eigenschaft, die die chinesische Leserschaft anscheinen endlos faszinieren kann: Es ist dies der Anteil an traditioneller chinesicher Kultur, der sich dari wiederspiegelt, der diesen Effekt auf Ausland- wie Inlandchinesen ausuebt.

Die literarische Struktur der Kung-Fu Romane ist eine Synthese der populaeren Formsowohl des Konfuzionismus, des Daoismus wie des Buddhismus; darin sind auch weitverbreitete aestethische Elemente enthalten, die in dieser Form auch in der herkoemmlichen Literatur existiert.

Auch hinsichtlich ihrer sozialen Orientierung enthalten Kung-Fu Romane die Personifizierungen und Boten, wie sie in den Koepfen der Allgemeinheit sein sollte. Die traditionelle chinesische Gesellschaft ist in vier soziale Gruppen geteilt: Regierungsbeamte, Gelehrte, Ritter und Bauern. Ritter glauben an Bruederschaft, und in dieser Eigenschaft vertreten sie alle vier soziale Schichten. Ihre Auffassung von Moral und anderen wertvollen Tugenden wird von der ganzen Gesellschaft geteilt. Allerdings leben Ritter als soziale Gruppe zumeist ausserhalb der Gesellschaft. Trotz dieses Widerspruchs beschreiben Kung-Fu Romane die traditionelle Kultur der ganzen Gesellschaft.

Im Hinblick auf die Leserschaft hat die Quintessenz des Konfuzionismus, Daoismus und Buddhismus sich bereits in eine abstrakte aber omnipresente kulturelle Wolke verwandelt, die nichtsdestotrotz das Bewusstsein und Verhalten der Chinesen stark beeinflusst. Im Laufe der Jahrtausende, waehrenddessen sich die chinesische Kultur entwickelt hat, wurden ihre Inhalte so eng mit den Lebensstrukturen und der Sprache verwoben, dass das Gedankengut es Konfuzionismua, Daoismus und Buddhismus unzertrennbar mit dem Alltagsleben der Chinesen einhergeht und immer noch dessen Basis darstellt. So ist ein ganz direkter und lebensnaher Unterhaltungswert im allgemeingegenwaertigem Geiste des Konfuzionismus, Daoismus und Buddhismus fuer die Leserschaft gegeben.


1. Konfuzionismus in Kung-Fu Romanen

Es ist allgemein anerkannt, dass der Konfuzionismus die Kultivierung des Menschen nach Innen und Aussen lehrt, d.h. wie man seine eigenen charakterlichen Eigenschaften verbessern und gleichzeitig das externe Leben regeln sollte. Die soziale Gruppe der Ritter allerdings haelt sich nicht an die Gesetze wie sie von Kaisern oder Regierungsbeamten deklariert werden, sondern orientieren sich an internen Reglementierungen wie sie von den unterschiedlichen Kung-Fu Sekten (die Shaolin- und die Wudan Sekte sowie die Bettler- und Himmel und Erde Vereinugungen) formuliert werden. Aufmerksame Leser koennen feststellen, dass letztere Ideale im Grossen und Ganzen mit denen des Konfuzionismus identisch sind. Konfuzius betonte, dass der Mensch nach hoeheren Idealen streben, das Boese nicht fuerchten und sich jederzeitig fuer die Gerechtigkeit einsetzen solle. Es war ihm ausserdem wichtig, dass der Mensch seine Lehrer, Eltern und aeltere Personen respektiert, seine Versprechen haelt und niemals das Vaterland verraet. Diese ritterlichen "Gesetze" sind sehr wichtig, obwohl natuerlich auch ihre Bekanntheit, Status, Ruf und Kampfesfaehigkeit eine Rolle spielen. Diejenigen, die der eigenen Beruehmtheit oder eigener Bereicherung wegen die ritterlichen Gesetze mit Fuessen tritt, wird seinerseits gejagt, gerichtet und letztendlich aus der Ritterkasse verbannt werden. Ihre Grundprinzipien sind die Essenz des Konfuzionismus.

Erstens betont der Konfuzionismus, dass das Boese edm Guten nicht im Weg stehen kann. In den Roman des Gu Long scheinen die Ritter stets weniger versiert als die boesen Kung-Fu Kaempfer, deren Kampftechniken "zu weit und hoch entwickelt sind, dass sie messbar waeren". Aber der Einfluss dieser ritterlichen Helden ist weniger von ihrer gewaltigen Kampfkraft als von ihrer "allumfassenden Liebe fuer die Menschheit" abhaengig. So ist es letztlich ohne grosse Bedeutung, wieviele ungluecklichen Umstaende ihnen passieren, sie siegen am Ende doch. Mit Konfuzius Worten: Das Gute ist unbesiegbar.

Zweitens wird im Konfuzionismus die Klassenfrage ausfuehrlich behandelt. In einer besonderen sozialen Gruppe, in der die hierarchische Ordnung vom Beherrschen der Kung-Fu Kampftechniken abhaengig ist, sind diejenigen mit niedrigem Rang nur begrenzt gute Kaempfer und deshalb weniger Wert. Dagegen werden diejenigen boeswilligen Personen, die dafuer aber ausgezeichnete Kaempfer sind, oftmals von den Autoren mit Barmherzigkeit und Mitleid behandelt; die Verlierer, die in ihrem Leben ewig dem Laster nachgehen, werden hingegen von den Autoren oftmals mit qualvollen Todesstrafen verurteilt.

Aber ein Ritter, der nur sich und sein Koennen perfektioniert entspricht damit noch lange nicht dem Ideal. Er muss ausserdem noch die heldenhafte Aufgabe der Rettung des Vaterlandes auf sich nehmen. Dies ist genau der Punkt des Konfuzius: Das Wohl einer Nation sollte in der Verantwortung eines Jedermann sein.

Fast alle Kung-Fu Romane, die von Jin Yong und Liang Yusheng verfasst wurden spielen in den turbulenten Zeiten der Song, Ming oder Qing Dynastien. Alle ihre Helden wie z.B. Guo Jin, Yang Guo, Yuna Chengzhi und Zhang Wuji mussten eine harte Kindheit und viel Leid durchstehen; am Ende jedoch nehmen sie alle die grosse Verantwortung der Verteidigung des Vaterlandes auf sich. Vom hilflosen Kind zum heldenhaften Retter, sie verkoerpern Konfuzius Botschaft, die Nationale Frage auf sich zu nehmen. Sie sterben im Kampf um Tugenden: Kein Geld koennte sie bestechen, das Boese kann sie nicht hindern, Armut und Hoffnungsosigkeit verweichlicht sie nicht. Das ist der Geist des Konfuzius. Jin Yong und Liang Yusheng einmaliger Beitrag liegt darin, dass sie einen neuen Weg fuer Ritter oeffnen, die sich mit der nationalen Frage befassen und Supertaten begehen wollen; die altmodischen Ritter werden zu modernen Nationalhelden. 


2. Daoism in Kung-Fu Romanen

Konfuzionismus ist das geistige Rueckrad der Kung-Fu Romane, aber ohne daoistischen Romantizismus waeren sie fuer die Leserschaft laengst nicht so attraktiv. Lin Yutan sagt dazu: "Eine Nation als Mensch besitzt spontane Romantik und spontane Klassik. Daoismus ist der romantische Teil des chinesichen Geistes, Konfuzionismus spiegelt den klassischen Teil wieder. Jeder hat das ptentiale Beduerfnis barfuss zu gehen."

Erstens der Daoismus das Gegenteil konfuzionistischer Etiquette. In Bezug auf die Kung-Fu Romane muss gesagt werden, dass die meisten Kung-Fu Meister eine sehr unkonventionelle und unkontrollierbare Diposition besitzten. Sie schwelgen in Emotionen wenn sie am Rrande einer Klippe stehen und in das Nichts schreien, wenn sie laut den HiImmel anlachen, wenn sie im Mondschein und allein trinken und sich selber ein Lied singen. Sie haben den Mut eines Kriegers und die Seele eines Musikers, sie sind stolz und halten sich fern. In der weiten Wildniss oder ruhigen Bergen empfinden sie die Verwandtschaft von Mensch und Himmel. Sogar der introvertierte Gio Jin, der sich mehr als alle anderen an den Konfuzionismus haelt, sucht nach der wahren Liebe. Obwohl dies von seiner verstorbenen Mutter bereits arrangiert war, heiratet er Hua Zheng, die Prinzessin der Mongolei, nicht. Er hat sich selbst geschworen, dass er eher zu sterben bereit ist als seine wahre Liebe zu Huan Rong, Tochter des exzentrischen Kung-Fu Meisters Huan Yaoshi, aufzugeben. Wenn Ritter in politischen Fragen Konfuzionistisch sind, so fuehlen sie doch wie Daoisten. 

Daoistisches "Qi Gong" - diese Atemuebung zur Staerkung innerer Kraefte wird in jedem Kung-Fu Roman ausfuehrlichst beschrieben. Ein Meister der Kampfkunstmuss nicht nur die Techniken beherrschen, sondern auch die schwierige Kunst des Qi Gong "innere Kraft" zur Perfektion treiben koennen. De facto ist Qi Gong eine der Voraussetzungen fuer die Kunst der Kung-Fu Meister, denn nur durch Qi Gong ist auch ihre Kraft im Kampf unendlich. Einige beherrschen Qi Gong so meisterhaft, dass sie hoehere Spheren erreichen und ihren eigen Koerper nicht mehr fuehlen, d.h. von jeglichen Schmerzgefuehlen befreit sind. Qi Gong im hoechsten Grad kann auch zur Ausuebung von Telepatie und Hypnose eingesetzt. Zudem ist Daoismus eng mit der Arzneimittellehre, Magie, Zauber und Liebestraenken verknuepft. Wie Lin Yutan sagt: "Der Daoismus oeffnet den Menschen eine kindlich illusorische Welt, die es im Konfuzionismus nicht gibt".


3. Buddhismus in Kung-Fu Romanen

Buddhismus und buddhistische Doktrinen werden Kung-Fu Romanen sehr hoch geschaetzt. Der Shaolin Tempel ist die direkteste Inkarnation, wie das beruehmte Wort schon sagt: "Kung-Fu stammt aus Shaolin". Der Shaolin Tempel repraesentiert zu einem irrsinnigen Grad Mystik und Okkultismus. Er steht fuer die hoechste Stufe der Kampfkunst. Der buddhistische Leiter ist geistiger aber auch weltlicher Fuehrer, d.h. er entscheidet ueber Recht und Unrecht innerhalb der Rittergemeinschaft. Das endlose Geheimnis des Kung-Fu hat einen Kern: Folge dem Mandat der Natur, arrangiere Dich mit dem Willen des Himmels, Lass die offensiven und defensiven Augenblicke ihren eigenen Lauf gehen. Die Praxis sieht so aus: Der Novize lernt indemer die festgelegten Bewegungsablaeufe des Kung-Fu (wie z.B. die Zehn Wandteppiche, und die 32 Schlaege mit ausgetrecktem Arm) auswendig lernt und praktiziert. Je mehr dieser Bewegungsablaeufe er beherscht, desto hoeher ist sein Kung-Fu Niveau. Aber um die hoechste STufe zu erreichen, was nur sehr wenigen gelingt, muss er all das Gelernte wieder vergessen, die Schwerter vergessen und sich vollstaendig auf die Einheit von Mensch und Natur konzentrieren. In der Natur kann jederGegenstand zu einer toetlichen Waffe werden. Er braucht keine komplizierten Bewegungen auszuueben, denn letztlich soll jeder Schritt, den er macht, von den Bergen, den Fluessen und allen Elementen in der Natur mitgetragen werden. Eine einfache Bewegung ist genug, um jeden Gegner zu schlagen. Das Erlernen, das intensive Studium, das Vergessen und schliesslich die freie Bewegung ist genau der Prozess, den die Sterblichen durchlaufen muessen, um letztlich zum Buddha zu werden, der kein Selbst mehr hat, kein irdisches Gefuehl, ja seine weltliche Identitaet voellig verliert.


In Gu Longs Werken druecken Schwertkaempfer den Buddhismus mit viel Witz aus; in Jin Yongs Romanen wird dieser in dezenten Metaphern versteckt zum Ausdruck gebracht. Oft werden die Boesen von den barmherzigen Schwertkaempfern des Shaolin Tempels gerettet, und die buddhistische Erleuchtung kennenklernen, ihr aber keine Bedeuting zumessen. Die Moenche des Shaolin Tempels allerdings wuerden immmer wieder Ueberredungsversuche machen, bis diese schliesslich einsichtig waeren, ihre Existenz und die Unwichtigkeit von weltlichen Racheakten und Ambitionen verstehen und das Boese aufgeben wuerden, um selber Moench zu werden. Beispiele hierfuer sind der Qiu Qianren in "Shediao Yingxiong Zhuang" und Xiao YUanshan sowie Mo Rongbo in dem Kung-Fu Roman "Tian Long Ba Bu".

Es ist erwaehnenwert, dass die Helden in Jin Yongs Romanen dem Buddhismus schon eher geneigt sind. Die buddhistische Barmherzigkeit ersetzt hier die einfache Konfuzionistische Moral. Oftmals wird auch der Zwiespalt der beiden Doktrinen deutlich, indem die Helden einerseits aus buddhistischen Gruenden nicht toeten wollen, sie der konfuzionistische Missionsdrang andrerseits aber geradadezu aufruft, zu kaempfen und zu toeten (siehe Z.B. Xiao Fen). Der Buddhismus, der hier und dort in den Romanen auftaucht, erhoeht den aesthetischen Wert und laesst sie uns auch ein zweites Mal lesen. Dies ist ein wichtiger Grund, warum Kung-Fu Romane sowohl unter der Leserschaft mit hoeheren als auch der mit niedrigeren Anspruechen gerecht wird.


III. Befriedigung des inneren Beduerfnisses and der psychologischen Notwendigkeit gerettet zu werden 

Die Beliebtheit der Kung-Fu Romane ist durch den leichten Verstaendnisgrad als auch die darin enthaltene Reflektion der traditionellen Kultur zu erklaeren. Ersteres offnet die Tore und letztere schafft Symphatien. Der dritte, nicht zu unterschaetzende Faktor, liegt irgendwo zwischen dem Roman und der Jetztzeit. Es ist dies der Grund, warum die Kung-Fu Romanen zu Bestsellern geworden sind: Die Ur-Notwendigkeit eines Jeden, fuer die in der Realitaet nicht erfuellten Beduerfnisse, anderweitig Ersatz zu finden - hier: Das Beduerfnis beschuetzt, bzw. gerettet zu werden. 

Wir alle wollen "toll" sein. Dies ist keine abstrakte philosophische Theorie, sondern gesunder Menschenverstand. Aber das Zeitalter der industrialisierten Zivilisation stellt eine anonyme Gesellschaft dar. So laesst sich die Wiedergeburt der sog. kollektiven Helden erklaeren, der ueber das Idol eines vorbildlichen Arbeiters hinausragt. In einem epischen Werk, in dem nur wenige Helden vorkommen, oder in einer Gesellschaft, die an nichts mehr glaubt, ertraeumen wir uns die Helden. Hinzu kommt die Erkenntnis, des Einzelnen, dass er als Individuum nicht viel Wert ist, und dies fuehrt zu einer allgemeinen Verlierer-Stimmung. Beethoven's 5. Symphonie ist sehr beliebt, aber nur die wenigsten koennen von sich behaupten, dass sie "das Schicksal beim Schopf gepackt haben". Es ist das Gefeuhl der Hilflosigkeit in einer sich rasend schnell aendernden Welt, das ein so grosses Beduerfnis an Rettung hervorruft.

In dieser modernen Welt sind die Menschen ausserdem nicht mehr in der Lage, in ein und derselben Manier zu denken und zu handeln, geschweige denn gemeinsam den Einklang von Mensch und Himmel zu realisieren. Der Nebeneffekt der industrialistierten Zivilisation ist der Verlust der Individualitaet des Einzelnen. Wir werden immer heuchlerischer. Schauen Sie einmal die staetig wachsende Zahl der Fussball- Fans an, da manifestiert sich, wie dringend die Menschen ihre Persoenlichkeit aum Ausdruck bringen wollen.

Kun-Fu Romane sind Balsam fuer jedermanns Herz. Sie sind aus genau den richtigen Zutaten zusammengestellt: Kampfbereite Helden mit ruhiger Hand retten die, die in Not sind; furchtlose Ritter bereisen alle Teile der Welt, ihre perfekte Schwertkampf-Kunst ermoeglicht es ihnen, alles zu erlangen, was sie moechten. Obwohl sie an die Bruederschaft glauben, stellen die Schwertmaenner, die unsere Ritter repraesentieren, genau das Gegenteil des Lebens eines charakterlosen Individuums voller Scheinheiligkeit dar. Sie brechen mit den menschlichen Banden und plazieren sich ueber die Grenzen, indem sie andere retten. Kung-Fu Romane stimulieren die Phantasie der Leserschaft indem Abenteuergefechte, Kaempfe, Folter, Rache, Verfolgung, Flucht, Wahre Liebe und Wunder aus der Vergangheit mit dem einfuehlsamen einzigartigen Schwert-Helden, der sich frei von Ort zu Ort bewegen kann, gute Taten vollbrnigt und denen hilft, die in Not sind, in die Jetztzeit bringt.

Kung-Fu Romane sind ein Ausgleich fuer das "Rettungs-Syndrom" und erleichtert Unzufriedenheit mit dem realen Leben. In einem Wort: "Sie sind die Maerchen fuer Erwachsene", " die den Menschen das Ertragen ihres harten Lebens etwas vereinfacht" (Liang Yusheng).


Nachwort des Autors

Ich wuerde mich selber als einen grossen Liebhaber von Kung-Fu Romanen und Ji Yong (Louis Cha) bezeichnen. Es ist meine liebste Freizeitbeschaeftigung, diese Romane zu lesen. Ich hoffe, wir koennen auf diesem Weg Gedanken austauschen und weiter ueber Kung-Fu Romane diskutieren.

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